Gemeinsam Essen macht Familien stark
Fragen und Antworten

Die gemeinsame Mahlzeit ist die Gelegenheit bei der wir unsere Familie sehen und erleben können wie sie zum jeweiligen Zeitpunkt gerade ist. So bekommen Eltern einen „Einblick“ in das was ihre Kinder bewegt, wie es ihnen geht. Gerade in unserer schnelllebigen Zeit wo wir als Familie vielleicht nur selten alle zusammentreffen kann das eine wertvolle gemeinsame Zeit sein.
Auch wenn Kinder und Jugendliche durch die neuen Medien anders kommunizieren als ihre Eltern früher, so haben sie genau die gleichen Bedürfnisse nach Kontakt und Austausch und Gesehen-werden wie Kinder und Jugendliche, in früheren Zeiten. Gemeinsames Essen kann Verbindung schaffen, vorausgesetzt Eltern verwenden diese gemeinsame Zeit nicht zum Erziehen. Denn zurechtgewiesen, angestarrt, oder beobachtet zu werden ist kränkend und verletzend und den meisten vergeht dabei der Appetit.

Essen ist - im besten Fall - von Anbeginn des Lebens verbunden mit Nähe, Geborgenheit, Liebe und Fürsorge. Wenn das gemeinsame Essen eine unaufgeregte Sache ist, wo die Familie zusammenkommen darf, ohne etwas leisten zu müssen, ohne gut gelaunt sein zu müssen, wo man sich einfach trifft, redet oder schweigt, (auch streitet) isst und wieder auseinander geht, dann kann es die Beziehungen untereinander sehr stärken. Wenn es so eine Möglichkeit innerhalb der Familie gibt, wo jeder so sein kann wie er ist und noch dazu bei einer gemeinsamen Sache – wie Essen – dann bleibt das als prägendes, angenehmes Erleben haften, das Kinder später gerne an ihre eigenen Kinder weitergeben werden.

Den idealen Familientisch gibt es nicht. Heute sind wir in der glücklichen Lage, dass jede Familie ihre eigenen Wertvorstellungen entwickeln und leben darf. Noch in den 1950er Jahren, als ich Kind war, gab es konkrete moralische Werte rund um den Familientisch: z. B.: gegessen wird was auf den Tisch kommt, Kinder sollen möglichst nicht reden bei Tisch… noch besser war es, wenn die Kinder schon „abgefüttert“ waren, damit der Vater (Familienernährer) wenn er von der Arbeit heimkam, ohne Kinder, in Ruhe seine Mahlzeit zu sich nehmen konnte.
Es ist nicht wichtig, welche Werte die Eltern vertreten (sei es Bio-Essen, oder Vegetarische Kost, Hausmannskost…) wesentlich ist, dass sie ihre Werte vertreten, aber nicht diktatorisch dabei sind.
Wenn Eltern Freude am Kochen haben, dann überträgt sich das auf die Kinder. Die sorgfältige Auswahl von guten Produkten und das liebevoll zubereitete Essen ist eine Möglichkeit wie Eltern ihre Fürsorge und Wertschätzung indirekt (oder direkt) vermitteln können. Sie leben damit auch vor, wie sie selbst mit sich und ihrer Gesundheit und ihrem Körper umgehen.

Kleine Kinder kopieren die Eltern und werden versuchen, genau so zu essen wie die Eltern.
Und sie kooperieren mit den Eltern, sie wollen vor allem die Eltern glücklich machen und wollen, dass die Eltern mit ihnen zufrieden sind. Das heißt, je klarer die Eltern wissen was sie selber wollen und das auch den Kindern vermitteln, umso besser verstehen die Kinder. Die meisten Kinder versuchen dann mit den Eltern zusammen zu arbeiten.
Früher haben die Kinder „gefolgt“, aber aus Angst. Heute wollen die meisten Eltern keinen autoritären Erziehungsstil, daher sind sie viel mehr gefordert, zu den Kindern eine (gleichwürdige) Beziehung aufzubauen.
Früher sagten die Eltern „so isst man nicht“, oder sie machten die Kinder schuldig: „musst du immer so schmatzen, wo ich dir schon 100 mal gesagt habe, dass man das nicht macht“…
Wenn wir Kindern helfen wollen, mit uns zu kooperieren, so brauchen wir eine sehr persönliche Sprache.
Das ist die beste Sprache in Liebesbeziehungen. Sowohl in Eltern-Kind-Beziehungen, als auch in Paarbeziehungen.
So könnten Eltern z. B. sagen: „ich will, dass du deine Füße unterm Tisch lässt beim Essen.“ Oder: „Ich will, dass du bei Tisch sitzen bleibst, bis du fertig bist mit dem Essen.“
Dann wissen die Kinder, das ist meinen Eltern wichtig und können entscheiden, ob sie das so machen. Sie werden vielleicht nicht immer mitmachen, aber sie lernen dabei mehr und mehr ihre Eltern und deren Werte kennen.

Es spielt auch keine Rolle wenn Eltern verschiedene Wertvorstellungen haben, z. B. „ist es beim Vater ok, mit den Fingern zu essen, meine Mutter will lieber, dass ich mit Besteck esse“.

Ich denke, dass es hier wieder darum geht, dass die Eltern ihre Werte vertreten und sagen was sie wollen. Ob die Kinder mitmachen hängt damit zusammen, wie die Beziehung zu den Kindern ist.

Für die Qualität der Beziehung sind immer die Eltern verantwortlich.

Wenn die Eltern selbst das Handy beim Essen bedienen und von den Kindern verlangen, dass sie das nicht tun sollen, dann werden sie unglaubwürdig.

Die Eltern können in diesem Fall zu den Kindern sagen: „Hör mal, ich hab mir überlegt, dass ich beim Essen kein Handy haben will. Kannst Du das für diese Zeit ausschalten?“
In so einem Gespräch nehmen Sie sich selber ernst und sagen den Kindern was sie wollen. Das ist die beste Möglichkeit die Sie haben. Mehr Macht haben wir nicht, außer wir fallen in den alten autoritären Erziehungsstil zurück, der jedoch die Beziehung zu den Kindern beschädigt.

(50er Jahre siehe oben)

Es gibt die verschiedensten Ess-Kulturen und die meisten sind nicht schädlich für die Entwicklung der Kinder. Wir tun gut daran auf die Beziehung zu schauen. Wenn das Kind z. B. sagt, ich will nicht mit euch essen, dann sollten sich Eltern dafür interessieren, warum. So können sie herausfinden, was ihrem Kind an dem gemeinsamen Essen nicht passt. Dabei können Eltern wichtige Dinge über sich selbst erfahren und das Kind fühlt sich ernst genommen.

Essen und Gefühle haben eine starke Verbindung, das weiß ich aus meiner beruflichen Tätigkeit. Z. B. wird bei Essstörungen über das Essverhalten ausgedrückt, dass etwas im Leben nicht „schmeckt“, oder Gefühle werden mit zu viel Essen hinuntergeschluckt. Für manche ist die Essstörung oft eine letzte Möglichkeit über sich selbst zu bestimmen, wie ein Mädchen das an Magersucht litt, einmal ausgedrückt hat: „Mein Körper ist das Einzige worüber ich noch selbst bestimmen kann“.

Es kann sein, dass Teenager keine Lust auf Familienrituale haben. Ob wir sie dazu gewinnen können, weiß ich nicht. Wieder haben wir nur die Möglichkeit uns selber klar auszudrücken was wir wollen. Wenn die Jugendlichen dann trotzdem nicht mitmachen, dann ist das vielleicht für uns traurig, aber wichtig ist, dass wir sie nicht dafür „bestrafen“, dass sie jetzt lieber mit ihren Freunden zusammen sind. Denn die Eltern sind nach wie vor die wichtigsten Personen für die Teenager, auch wenn sie das nicht so ausdrücken. Sie brauchen von den Eltern vor allem, dass sie so wie sie sind, geliebt werden.

Kinder werden mit den Eltern dann gerne kommunizieren, wenn sie nicht nur interviewt werden: „Wie war‘s heute in der Schule“, „hast Du Dein Jausenbrot gegessen“, „hast Du noch eine Hausaufgabe?“... Wenn wir als Eltern ein offenes Klima schaffen, wo Kinder erzählen können ohne bewertet zu werden und wenn Eltern von sich aus erzählen was bei ihnen selbst los ist, dann müssen wir die Kinder nicht zum reden „überreden“. Auch hier ist die persönliche Sprache wieder die beste Wahl.

Gemeinsam Kochen kann ebenso eine Verbindung schaffen, wie andere gemeinsame Tätigkeiten, vorausgesetzt die Eltern kochen selber gerne und sie verwenden es nicht als pädagogische Maßnahme um z. B. dem Kind „kochen beizubringen“. Kinder wollen genau so gerne einen Beitrag leisten zum gemeinsamen Familienleben und wenn sie sehen, dass sie wirklich gebraucht werden, dann helfen die meisten Kinder sehr gerne mit. Denn so wie Erwachsene wollen Kinder sich auch wertvoll fühlen und das geht am besten, wenn sie Eltern auch etwas geben können und nicht nur von den Eltern bekommen.

zurück