Essstörung
Artikel Essstörung - AUF - Eine Frauenzeitschrift

In Österreich leiden ca. 200.000 Menschen an einer Essstörung. Ungefähr 95% der Betroffenen sind weiblich!
Galt noch in den 60er Jahren eine Schauspielerin wie Sofia Loren mit einer Kleidergröße von 42, als eine der attraktivsten, erotischsten und schönsten Frauen der Welt, so hat sich dieses Idealbild in den letzten 40-50 Jahren gewaltig verändert.
Anfang der 1970er Jahre erschien mit Twiggy, das erste superschlanke Model am Modehimmel und läutete einen übertriebenen Schlankheits- und Körperkult ein, der bis heute ungebrochen anhält.
In den Nachkriegsjahren war Übergewicht das Symbol für Wohlstand. Das hat sich mittlerweile genau umgekehrt.
Frauen sollten heute in eine Kleidergröße von höchstens 36, oder noch besser - 34 passen.
Für viele Frauen gilt es als normal, sich ständig zu kasteien oder nur kontrolliert zu Essen. Mitunter empfinden sie Essen sogar als Bedrohung.

Nährboden für das Auftreten von Essstörungen (Magersucht, Bulimie und Esssucht) sind unrealistische Schönheitsideale, die auf übertriebenem Schlankheits- und Jugendkult beruhen. Kommuniziert werden diese ungesunden Bilder vielfach durch Werbung.
Eine aktuelle Studie der Karmasin Motivforschung im Auftrag der Stadt Wien belegt, dass rund 60 % der Österreicherinnen auf Grund medialer Vorbilder mit ihrem Körpergewicht unzufrieden sind und bereits mindestens ein Mal eine Diät gemacht haben. Als Motive für diese Diäten werden hauptsächlich Streben nach Schönheitsidealen und nach einem höheren Selbstwertgefühl genannt.
Mediale Bilder, die extreme Schlankheit propagieren, eine bestimmte Körperästhetik vermitteln und diese mit Anerkennung, Erfolg, Glück und Selbstwert verknüpfen, können fatale Folgen haben. Sich diesen - scheinbar Erfolg verheißenden - Idealen äußerlich anzunähern, wird schnell zur Lösungsstrategie für innere Konflikte. Die körperliche Erscheinung "Je dünner, desto schöner" ist eng mit dem Bedürfnis verbunden: Liebens-, begehrenswert und anerkannt zu sein. Dieser Gedanke kann schnell den Weg in eine Essstörung ebnen.

In welchem Ausmaß sich eine Frau dem Schlankheitsideal jedoch beugt, ist von mehreren Faktoren abhängig. Vorhandene Körperunzufriedenheit, depressive Stimmung, eine Tendenz seinen Körper mit dem anderer zu vergleichen, geringes Selbstwertgefühl, Schwierigkeiten mit der eigenen Identität können zu einer stärkeren Verinnerlichung des Schlankheitsideals führen.

Die Einflüsse des gesellschaftlichen Schönheitsideals zeigen sich bereits bei Grundschülern, welche ihren Körper als zu dick wahrnehmen und bereits Diäten durchführen.
Selbst Kindergartenkinder machen sich schon Gedanken über Figur und Aussehen. Ein mit eigenen Ohren gehörter Dialog zweier 4jährigen Mädchen im Kindergarten – über das Aussehen ihrer Betreuerinnen: "Die Susi gefällt mir besser, weil die einen dünneren Popo hat".
Mittlerweile haben wir eine Generation von Müttern, die selbst an Essstörung leiden und dieses krankhafte Essverhalten an ihre Töchter weitergeben. Das kann so weit gehen, dass Frauen ihr Baby nicht ausreichend ernähren, aus Angst davor, dass es zu dick wird.
Nicht selten unterstützen Mütter ihre Töchter in ihren Diätbemühungen, weil sie selber ständig mit Ihrem Gewicht kämpfen und hoffen, dass mit Diäten und kontrolliertem Essverhalten ihrem Kind dieses Problem einmal erspart bleibt.
Dabei beginnt eine Essstörungen beinahe immer mit einer Diät.
Bei allen Menschen die in eine Essstörung geraten, steht am Beginn der Wunsch schlank zu sein und es hängt dann von den verschiedensten Faktoren ab, ob dieser Wunsch in eine Magersucht, Bulimie oder Esssucht führt.

Menschen die in eine Magersucht rutschen, erhoffen sich damit Autonomie. Sie sagen, dass der Körper das Einzige ist, worüber sie noch selbst bestimmen können. Betroffene formulieren oft den Wunsch, verschwinden zu wollen.
Magersucht ist eine schwere Krankheit, die Betroffenen leiden unter einer Körperschemastörung – sie können ihren Körper nicht mehr real wahrnehmen und erleben sich – egal wie dünn sie schon sind – immer noch als eine fette Tonne. Daher fehlt meist jede Krankheitseinsicht und die Betroffenen können oft erst gefährlich spät zu einer notwendigen Behandlung gebracht werden.
Magersüchtige Menschen sind in ihrer Hungerwelt gefangen und suchen oft Selbstbestätigung, enden aber vielfach in Zwängen und Einsamkeit. Bei Magersucht leidet die Familie enorm unter der oft lebensbedrohlichen Situation der Tochter. Die Eltern versuchen die Tochter zum Essen zu überreden, zu verlocken, zu zwingen – ohne Erfolg. Hier braucht meist die ganze Familie professionelle Unterstützung, um nicht an der schwierigen Herausforderung „Magersucht“ zu zerbrechen.

Von Frauen die an Bulimie leiden, höre ich oft, dass sie das Leben zum Kotzen finden. Meist handelt es sich um scheinbar selbstbewusste, beliebte junge Frauen, die sich innerlich verzweifelt und leer fühlen. Mit Ess-Anfällen versuchen sie diese Leere zu füllen. So werden bei einem bulimischen Anfall oft riesige Mengen an Lebensmitteln verschlungen. Die Betroffenen haben das Gefühl die Essanfälle nicht kontrollieren zu können. Aus Angst vor der Gewichtszunahme, wird das Essen wieder erbrochen, oder es wird mit Abführmittel oder exzessivem Sport entgegengesteuert.
Die Betroffenen schämen sich extrem für ihr bulimisches Verhalten und halten die Krankheit lange Zeit geheim was meist zu Isolation und Selbstabwertung führt. Oft wissen selbst die engsten Familienangehörigen nichts von der Erkrankung.
Die Betroffenen brauchen dringend psychotherapeutische Unterstützung.

"Ich fühle mich nicht wichtig", klagen Frauen die an Esssucht leiden. Auch Sie können nicht einfach weniger oder kalorienärmer essen, denn das Essen dient den Frauen als Trostspender zur Stress- und Frustrationsbewältigung, zur Beruhigung oder um andere unangenehme Gefühle hinunter zu schlucken.
Das Essen ist meist ein unbewusster Versuch die dahinter liegenden Probleme in den Griff zu bekommen, eine Art Lösungsstrategie.
Vielleicht ein unbewusster Versuch, (ge)wichtig zu werden?
Sehr oft wissen Menschen, die an einer Esssucht leiden, sehr genau was anderen gut tut, es fällt ihnen aber schwer herauszufinden, was sie selber brauchen und noch schwerer auch danach zu handeln.
Wenn frau lernt "nein" zu sagen, muss sie das "nein" vielleicht nicht mehr mit der Körper-Schutzschicht ausdrücken.
In (Gruppen)Therapien können Frauen mit Esssucht Unterstützung dabei finden, die Beziehung zum Körper freundschaftlicher und liebevoller werden zu lassen, unabhängig vom Gewicht.

Oft müssen Frauen mit Essstörungen erst wieder richtig essen lernen. Sie haben jedes Gefühl für das richtige Maß verloren. Es ist meist ein langwieriger Prozess, sich mit der eigentlichen (dahinterliegenden) Problematik auseinander zu setzen, um aus der Essstörung aussteigen zu können.

Es braucht aber auch eine gesellschaftliche Anstrengung und Prävention um dem Schlankheitskult, der einer der Hauptauslöser für Essstörungen ist, entgegen zu wirken.
Es geht uns alle etwas an, denn eine Essstörung kann jeden von uns treffen und neben dem enormen Leid, welches diese schwere psychische Erkrankung bei den Betroffenen und Angehörigen auslöst, sind auch die volkswirtschaftlichen Kosten enorm.

zurück